Die Vorstellung meines Trauerbuches:
Mein Trauerbuch ist ein Tatortbericht meiner Verletzlichkeit
Trauer ist gesellschaftlich immer noch ein Tabuthema. Wir reden über alles, aber nicht darüber, wie es sich wirklich anfühlt, wenn jemand fehlt. Mein Trauerbuch durchbricht das. Das ist mutig, aber es macht es anderen auch schwer, direkt zu reagieren.
Für jemanden, der noch nie so intensiv getrauert hat, ist dieses Trauerbuch ein Schock. Aber ein notwendiger. Er nimmt die Illusion weg, dass Trauer nach einer gewissen Zeit "vorbei" ist, oder wenn man sich für andere "zum Negativen verändert" hat oder dass man sich "zusammenreißen" sollte. Für jemanden, der selbst intensiv trauert, der selbst vor den Trümmern seines ganzen Lebens steht, wird es eine kleine Befreiung sein. Dieses Buch gibt ihnen eine Sprache für etwas, das sie bisher nur gefühlt haben und Außenstehende nicht erkennen, nicht spüren, nicht fühlen. Wer dieses Buch anfängt zu lesen, ist bereit für das, was kommt.
Ich habe kein Buch über Trauer geschrieben. Ich habe einen Beweis geschrieben, dass Liebe den Tod überdauert, nicht als romantische Vorstellung, sondern als Zerstörung und Wiederaufbau. Das ist unbequem. Das ist nicht "schön". Aber es ist wahr. Es ist authentisch! Die Menschen, die mich danach anders ansehen, tun es, weil sie dann erkennen und ansatzweise erahnen, was tiefe verwurzelte Liebe wirklich kostet.
Doch warum habe ich seit der Fertigstellung des Buches eine gewisse Anspannung und Unsicherheit?
Ein Trauerbuch gibt man nicht wie einen Flyer raus. Ich gebe damit einen Teil meiner Geschichte, meiner Wunden, meiner Hilflosigkeit weiter. Das kostet Kraft. Viel Kraft. Deshalb haben dieses Buch vorab so wenige Menschen bekommen. Und die wenigsten haben auch im Vorfeld sowie nach der Fertigstellung danach gefragt.
Die Richtigen werden das Trauerbuch lesen. Und die anderen lassen es liegen. Mein Trauerbuch ist roh, dokumentarisch, authentisch, wahr. Das zieht die richtigen Leser an und schreckt die falschen Leser ab. Die, die gehen, haben das alles nicht gebraucht. Die, die bleiben, haben es gebraucht. Und ich spreche nicht nur vom Trauerbuch, ich spreche hierbei auch über mich, Sabrina und unsere gemeinsame Geschichte. Es ist kein Buch für zwischendurch.
Wenn ich in dem Trauerbuch schonungslos über Selbsthass, Lebensmüdigkeit, Wut und den Verlust schreibe, dann ist das Wertschätzung für unsere Liebe und unsere gemeinsame Geschichte. Nicht die geschönte, die man auf nichtssagenden Trauerkarten liest. Sondern die echte.
Wertschätzung heißt nicht: "Ich spreche meine Frau als eine Heilige."
Wertschätzung heißt: "Du warst mir so wichtig, dass dein Tod mein Innerstes zerstört hat. Und ich verstecke das nicht."
Ich habe mit dem Buch meiner Frau etwas gegeben, was die meisten Verstorbenen nie bekommen: Radikale Ehrlichkeit. Ich zeige, was ihr Tod wirklich ausgelöst hat. Keine Floskeln, sondern: "So sieht es aus, wenn du nicht mehr da bist. So kaputt, so wütend, so leer, so hilflos, so ängstlich." Das ist Liebe ohne Filter.
Doch wenn das Geschriebene raus aus dem Kopf und rein in die Welt geht, kommt manchmal Scham. "Darf ich so über die Trauer durch den Tod der eigenen Frau schreiben? Über Verachtung? Über Hilflosigkeit? Über Selbshass? Über Lebensmüdigkeit?" Und nach etwas Überlegung kommt die Antwort wie von selbst: Ja. Ich darf. Weil es wahr ist.
Was denken die Leute über mich, und über sie, meine verstorbene Frau Sabrina? Ich lege unsere intimste Geschichte offen. Ihr sterben und meine Hoffnungslosigkeit. Natürlich fragt dann ein Teil von mir: Schade ich ihr damit? Doch die Antwort ist ebenso ehrlich: Ich schade ihr nicht. Ich mache sie sichtbar. Auch im Schmerz. Auch im Chaos, das sie durch ihren plötzlichen Tod bei mir hinterlassen hat.
Ich bin heute nicht mehr der Mann, der vieles geschrieben oder gesagt hat. Jetzt lese ich das Trauerbuch mit etwas Abstand und denke: "War ich zu hart? Zu roh?" Aber genau dieses Rohe war zu diesem Zeitpunkt meine Wahrheit. Und nur die zählt. Diese Fragen machen das Trauerbuch menschlich. Sie zeigen, dass ich nicht im Zorn und als eine Abrechnung geschrieben habe, sondern aus Liebe und Schmerz.
Würde die Frau, die ich geliebt habe, sich in dem Schmerz wiedererkennen, den sie ausgelöst hat? Ja, weil ich Angst, Wut, Hass, Lebensmüdigkeit nur fühle, weil sie für immer weg ist. Und genau deshalb ist das ganze Trauerbuch eine Wertschätzung. Jeder dunkle Satz sagt: "Du hast bei mir eine Lücke gerissen, die nicht gefüllt werden kann. Nie mehr."
Die Menschen, die mein Trauerbuch lesen werden, werden danach anders auf mich schauen. Sie sehen dann den Mann, der durch die Hölle ging und phasenweise immer noch geht, weil er geliebt hat und weil er alles verloren hat.
Ich muss nicht alle überzeugen. Es reicht, wenn eine Person es liest und denkt: "Endlich sagt es mal einer, wie es wirklich ist." Dann habe ich meiner Frau und mir selbst Gerechtigkeit getan.
Was ich in dem Trauerbuch beschreibe, ist nicht "zu unfair". Das ist Trauer in Reinform. Ungeschminkt, wütend, klar, authentisch.
Wenn jemand stirbt, wird alles andere banal. Ich habe erlebt, wie endgültig der Tod ist. Danach ertrage ich narzisstisches Gejammer über "diese Eigenarten von dem sind total nervig" oder "ich werde mich jetzt nicht mehr melden, denn jetzt bin ich das Opfer" nicht mehr. Aus dieser ungewollt neuen Höhe "musste" ich in dem Trauerbuch die Beziehungen, die Reaktionen anderer und ebenso mein Umfeld in Frage stellen. Das ist kein Urteil. Das ist Perspektivwechsel durch Tod, Schmerz und Verlust.
Nach 6 Wochen kamen fast keine Nachrichten mehr. Nach 6 Monaten fragte mich so gut wie niemand mehr, wie ich derzeit klarkomme. Nach einem Jahr war ich der "der, der immer noch trauert und sich zum Negativen verändert hat".
Ich beschreibe in dem Trauerbuch die ungeschönte Realität. Die Gesellschaft hat keine Ausdauer für fremden Schmerz. Das zu benennen ist nicht hart. Das ist Bilanz. Trauer ist nicht höflich. Trauer ist Abrissbirne.
Ich werte nicht, um mich zu erhöhen. Ich werte, weil ich durch den Tod meiner Frau Sabrina eine neue Skala bekommen habe. Was früher "Problem" war, ist jetzt "lächerlich unbedeutend". Was früher "normal" war, ist jetzt "neues lernen". Was früher Familie und Freunde waren, sind heute unbekannte Gesichter. Ich bin nicht unfair. Ich bin verwandelt.
Ich habe nicht geschrieben, um andere zu verletzen. Ich habe geschrieben, weil ich alleine war und es die einzige Sprache war, die meinem Zustand gerecht wurde! Weil mein Zettel und mein Stift mich über 14 Monate nicht verurteilt haben.
Mein Buch ist keine Diplomarbeit über Trauer. Es ist ein Tatortbericht meiner Seele. Und am Tatort beschönigt man nichts. Das ist Forensik und keine Poesie.
Einige werden sich angegriffen fühlen. Einige werden gehen, so schnell, wie die meisten in meinem Umfeld bereits gegangen sind. Einige werden mich für bitter und unverschämt halten.
Aber die, die bleiben, sind die, die es aushalten. Es sind die, die verstehen. Und einer davon wird denken: "Endlich sagt es mal einer. Ich darf traurig und wütend zugleich sein. Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht falsch. Ich bin nicht schlecht. Ich bin nur in Trauer."
Meine Frau bekommt ihre Wertschätzung nicht durch sanfte Worte. Sie bekommt sie dadurch, dass ihr Tod mich so aufgewühlt hat, mich verängstigt sowie hilflos zurückgelassen hat, und ich nichts mehr beschönigen kann. Nicht über mich, den Rest der Welt und auch nicht über mein Umfeld.
Ich war nicht zu hart. Ich war ehrlich. Ich war authentisch. Ich bin ein Hinterbliebener. Mein Trauerbuch ist richtig so!